Warum eskalieren Schülerproteste in Frankreich?
13. Oktober 2026 Bernard Schmid
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Die Regierung will sparen, der Protest wächst.
Normalerweise sehnen sich Schülerinnen und Schüler nach der nächsten unterrichtsfreien Periode, in diesem Falle stehen die Herbstferien bevor – aktuell aber ist es vor allem das Regierungspersonal, das lechzend auf Letztere wartet. Der Grund liegt auf der Hand.
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Ein lokaler Streik wird zur landesweiten Bewegung
Am 17. September begann ein Protest im französischen Bildungswesen, zunächst lokal begrenzt und scheinbar unspektakulär mit einer Streikankündigung des Lehrpersonals an der Oberschule Antoine de Saint-Exupéry in der Bezirkshauptstadt Créteil, einer Bezirkshauptstadt in der Banlieue, südöstlich von Paris.
Ursächlich waren ein chronischer Personalmangel, fehlendes und nicht ersetztes Verwaltungspersonal und generell schlechte Unterrichtsbedingungen.
Als sich den Lehrern und Lehrern dann aber auch lautstark Oberstufenschülern – und Eltern – hinzugesellten und linke Abgeordnete bei Solidaritätskundgebungen auftauchten, breitete sich die Protestbewegung ab dem 23. September in Windeseile aus.
Rund 900 von insgesamt landesweit existierenden 3.700 Oberschulen wurden in den letzten September- und ersten Oktobertage frankreichweit von Streik- oder Blockadeaktionen erfasst.
Hinzu kamen massive Protestzüge in den Städten – frankreichweit demonstrierten rund 300.000 Menschen am 29. September, wobei jedoch für Löhne, und ebenfalls für bessere Mittelausstattung, streikende Staatsbedienstete wie Eisenbahnerinnen und Feuerwehrleute mit Protestierenden aus dem Bildungswesen zusammenkommen.
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Am 06. Oktober waren es, dieses Mal mit auf das Schulwesen konzentrierten Aufrufen, landesweit erneut rund 300.000, am 08. Oktober wieder 100.000 Menschen, die zu Demonstrationen zusammenkamen.
In diesen Fällen hatten Gewerkschaftsverbände wie CGT und Solidaires jeweils Erwachsene aller Berufe dazu aufgerufen, hinzuzukommen und Menschenketten zu bilden, um die Jugendlichen vor polizeilichen Übergriffen zu schützen.
Banner auf einer Demonstration der Schüler: "Gegen die soziale Auslese"
Auf dem Banner steht: "Gegen die soziale Auslese". Foto: Bernard Schmid
Die Polizei verschärft den Konflikt
Denn die polizeiliche Reaktion – schon seit den ersten Schulblockadeversuchen im September wurden schnell und überall starke Polizeikräfte zusammengezogen, um vor den Bildungseinrichtungen für freien Zugang und "Ordnung" zu sorgen, was aber oft de facto eskalierende Wirkung zeigten – wurden schnell zum Teil des Problems.
Die repressiven Reaktionen des Staates fielen heftig aus, stärker als bei ungefähr vergleichbaren sozialen Bewegungen früherer Jahre. Im berühmt gewordenen französischen Mai 1968 fanden insgesamt rund 700 Festnahmen statt, davon führten 95 zu Polizeigewahrsam.
Doch bis zum Anfang dieser Woche wurden, in einem zwei- bis dreiwöchigen Protestzyklus, bereits 7.000 polizeiliche Aufgriffe und Festnahmen verzeichnet. Von ihnen führten rund 5.000 zu polizeilichem Gewahrsam, wobei zwei Drittel der letztgenannten Fälle jedoch ohne Strafverfolgung endeten, es also kein belastbares Material für etwaige Vorwürfe von Straftaten – wie beispielsweise Sachbeschädigung – gab
Schüler-, Eltern- und Gewerkschaftsvertreter sprechen von einem gesuchten Einschüchterungseffekt.
Gasgranateneinsatz und schwere Verletzungen
Umstritten ist insbesondere auch der polizeiliche Gasgranateneinsatz. Tränengasgranaten gibt es auch in Deutschland. Aber unter vergleichbaren EU-Ländern ist Frankreich das einzige, das andere Explosivgranaten zulässt wie die so genannten grenades de désencerclement (Granaten zur Befreiung aus einer Umzingelung).
Diese enthalten viele kleine Plastikteile, die bei der Explosion freigesetzt werden und bis in einigen Metern Entfernung für Verletzungen führen. Nicht diese, aber ein anderer Granatentyp, die grenades assourdissantes (Schall-Schockgranaten), wurden dagegen Anfang Oktober von Innenminister Laurent Nuñez "suspendiert". Ihr Einsatz wurde vorübergehend unterbunden, wenn es um Demonstrationen mit mehrheitlich Minderjährigen geht.
Banner auf einer Demonstration der Schüler in Paris: "Zu jung, um zugehört zu werden - aber alt genug, um Tränengas abzubekommen"
Banner auf einer Demonstration der Schüler in Paris. Aufschrift: "Zu jung, um zugehört zu werden - aber alt genug, um Tränengas abzubekommen"
Zuvor wurde einem Oberschüler im nordfranzösischen Lens eine Hand durch eine Granate abgerissen. In Dunkerque am Ärmelkanal wurde ein Polizeiauto beobachtet, das mit überhöhter Geschwindigkeit in vollem Tempo auf eine jugendliche Demonstrantengruppe zufuhr.
In Paris kam es am vorigen Dienstag zu einem Skandal, nachdem bei der Festnahme eines 18-jährigen Mathematik- und Physikstudenten durch eine Greiftruppe – die Polizei behauptet, er habe nach einem Beamten in Kampfmontur getreten, der junge Mann sagt, es sei ein Anderer gewesen – ein Beamter des Einsatzkommandos ihm mit Wucht das Knie der Kampfuniform ins Gesicht stieß.
Schlechte Schulen, verbaute Zukunft
Zunächst einmal sind viele Schulgebäude marode. Ihr Durchschnittsalter liegt, was Oberklassenschulen betrifft, bei 65 Jahren. Betonbauten der 1960er-Jahre waren nicht auf den Klimawandel ausgerichtet, in manchen herrschte im Juni dieses Jahres während der Hitzewelle fast 40 Grad in Prüfungszeiten.
Überfüllte Klassen mit 30 bis 35 Schülern sind heute oft anzutreffen, da es an Lehrkräften mangelt – und deren Beruf ist nicht attraktiv: Vor vierzig Jahren begann eine Lehrerin oder ein Lehrer ihre Laufbahn mit dem circa 2,3-Fachen des gesetzlichen Mindestlohns (SMIC) als Gehalt, heute ist es nur noch das 1,2-Fache.
Vor allem aber befindet sich seit 2019 ein KI-basiertes Auswahlsystem für die Studienplatzvergabe an Oberstufenabgänger unter dem Namen Parcoursup im Einsatz, das auf einem Algorithmus beruht und dessen Funktionsweise als intransparent und nahezu undurchschaubar gilt.
Es führt neben der Abiturnote zusätzliche Auswahlkriterien ein, wie etwa abiturprüfungsunabhängige Leistungskontrollen – vor Weihachten im Jahr der Abschlussklasse –, aber auch persönliche Bewertungen durch Klassenlehrer oder des Direktors bzw. der Direktorin.
Hintergrund der Einführung war ein Mangel an Studienplätze, weshalb zuletzt vor der Schaffung von Parcoursup an manchen, begehrten Hochschulen Losverfahren durchgeführt worden waren. Das war ein Problem, das aber durch ein noch größeres ersetzt worden ist. Die Zukunftsangst von Heranwachsenden bündelt sich an Parcoursup – geballter Elternstress kommt hinzu.
Auf einem Transparent einer Demosntration in Paris ist zu lesen: "Zwar hat die Jugend nicht immer recht. Aber die Gesellschaft, die sie verkennt und verprügelt, hat immer Unrecht."
Auf dem Banner steht: "Zwar hat die Jugend nicht immer recht. Aber die Gesellschaft, die sie verkennt und verprügelt, hat immer Unrecht." Foto: Bernard Schmid
Dieses System wieder abzuschaffen und neue Zugangsmechanismen für Hochschulen einzuführen, könnte zu den vordringlichen Aufgaben einer Regierung nach der Präsidentschaftswahl 2027 gehören. Vorschläge liegen bislang nur wenige auf dem Tisch, mit Ausnahme des Linkssozialdemokraten Jean-Luc Mélenchon.
Er kündigte am Sonntag in einer Programmrede in Clermont-Ferrand an, man müsse massiv Studienplätze schaffen.
Es klingt einfach; die Praxis dürfte anspruchsvoll werden.
Die Sorge vor allergrößten Spannungen
Auf dem Gegenpol des politischen Spektrums beklagt der extrem rechte Rassemblement national (RN) dagegen eine "Vermassung" des Bildungswesens. Die Partei von Marine Le Pen will stärkere Auswahl und stärker getrennte Schulzweige und rechtfertigt Polizeieinsätze.
Sollte er RN 2027 die Regierung übernehmen, sind, auch in Anbetracht massiv präsenter antifaschistischer Slogans bei den Protesten, sehr harte Konflikte vorprogrammiert. Manche sprechen offen von der Angst vor einem Bürgerkrieg.
Die Regierung dagegen steckt in diesem Moment in einer Zwickmühle. Angesichts des Drucks der Finanzmärkte und hoher Staatsverschuldung will das Kabinett Lecornu im derzeit diskutierten Haushaltsgesetz für 2027 im Jahr 54 Milliarden Euro einsparen – auch durch soziale Grausamkeiten, bei Krankenversicherten und Opfern von Arbeitsunfällen.
Die Sprecher der Schüler fordern dagegen zehn Milliarden Euro. Premierminister Sébastien Lecornu kündigte mögliche Zugeständnisse an, für die letzten Oktobertage – mitten in den Herbstferien. Diese mögen bei der Demobilisierung helfen. Ob das Kalkül aufgeht?