„Die Drohne schwebte vor meinem Bagger und filmte mich“, erinnert sich der heutige Betriebsrat Waldemar B. (*Name von der Redaktion geändert). Der Hauptgeschäftsführer von Hark Recycling forderte dann die Belegschaft dazu auf, mit ihm über das Gelände zu laufen und konfrontierte einzelne mit Fotos seiner Drohne: Warum hast Du hier so lange Pause gemacht, Kaffee getrunken, geraucht?
„Dabei fielen teilweise Worte wie ‚Du bist zu blöd und dumm und hast in 20 Jahren immer noch nichts gelernt‘“, berichtet der heutige Betriebsratsvorsitzende Andreas W.* „Unser Platzmeister wurde vor der gesamten Mannschaft als blöd und unfähig tituliert – und abgesetzt.“
Beschäftigte wählen Betriebsrat – Geschäftsführung spaltet
Das brachte das Fass zum Überlaufen – nachdem sich in den letzten Jahren Missstände bei Hark Recycling am Ortsgüterbahnhof in Hamm gehäuft hatten. 11 der damals 50 Beschäftigten treten in Kontakt mit der IG Metall Hamm-Lippstadt – und dann geht es ganz schnell. Am 3. November 2025 hängt der Wahlaushang im Betrieb. Am 19. November 2025 wählen sie erstmals einen fünfköpfigen Betriebsrat. Nach der Auszählung wird das Ergebnis am 25. November bekanntgegeben.
„Der Geschäftsführer erklärte, dass er den Betriebsrat niemals akzeptieren würde“, erzählt der Betriebsratsvorsitzende Andreas W.*, der als „Brenner“ große Metallteile mit dem Schneidbrenner zerteilt.
Bereits am 14. November – fünf Tage vor der Betriebsratswahl – hängt ein Aushang der Geschäftsführung im Betrieb: Hark müsse den Standort am Ortsgüterbahnhof zum Jahresende verlassen. Der Betrieb soll nach Dortmund verlegt werden. Auf dem Betriebsgelände in Hamm soll die neu gegründete Aluminiumservice Hamm GmbH & Co. KG (ASH) angesiedelt werden, die ebenfalls der Familie Westarp und ihrer Westarp GmbH gehört.
Der Mehrheit der Hark-Beschäftigten werden neue Verträge bei ASH angeboten – gegen Antrittsprämien zwischen 500 und 1500 Euro. Die Betriebsräte erhalten keine solchen Angebote. Drei der fünf Gewählten legen ihre Mandate zum 29. Dezember 2025 nieder. Zwei weitere gewählte Beschäftigte, Mustafa A.* und Artur B.*, rücken nach. Die vier Betriebsratsmitglieder werden nach einem Termin am 12. Januar 2026 aufgefordert, die Arbeit in Dortmund aufzunehmen. Mit ihnen müssen auch Beschäftigte nach Dortmund, die die neuen ASH-Verträge nicht unterschreiben wollen.
Dortmund: Kein Wasser, keine Heizung, Schimmel
Dortmund – offiziell die neue Zentrale von Hark Recycling – erscheint den Beschäftigten eher als stillgelegte Brache. Das Gelände am Hafen wurde jahrelang nicht benutzt und ist komplett zugewuchert. Die Beschäftigten müssen erst einmal selbst den Grünschnitt erledigen. Zudem sind viele Leitungen über die Jahre einfach geklaut worden. Es gibt kein Wasser und keine Heizung – und das bei Minus-Temperaturen. Die alte Holzbaracke, in dem das Büro und die Steuerung der Waage untergebracht sind, ist komplett verschimmelt.
„Die Geschäftsführung kam dann zu einem Termin, wo wir sie auf die Mängel hingewiesen haben“, berichtet Andreas W.* „Ich sagte: Riechen sie den Schimmel? Nehmen sie noch mal einen tiefen Zug. Und dann mussten sie auf einmal ganz dringend weg zu einem anderen Termin.“
Die Geschäftsführung beginnt dann, die allergröbsten Mängel zu beseitigen. Doch lange fehlt es in Dortmund an Arbeit und Betriebsmitteln. Anfang März wird ein Bagger geliefert. Ohne Greifer ist er zunächst nicht einsetzbar. Rund drei Wochen später kommt dann auch der Greifer. Doch die Schrottschere funktioniert nicht, eine Magnetplatte für den Bagger fehlt weiterhin. Brenn- und Kleingeräte stellt der Arbeitgeber nicht zur Verfügung. Eine Flex und eine Leiter reparieren die Beschäftigten zum Teil selbst aus dem vorhandenen Schrott.
Beschäftigte* auf dem Betriebsgelände in Dortmund – offiziell neue Zentrale von Hark Recycling.
Betriebsrat gegen gravierende Missstände bei Hark Recycling
Einen Betriebsrat bei Hark zu wählen, war dringend notwendig. Immer wieder hatten die Beschäftigten die Geschäftsführung auf gravierende Mängel bei der Arbeitssicherheit hingewiesen: Stapler, bei denen die Bremsen nicht gehen. Sicherheitsunterweisungen, die nur auf dem Papier stehen.
Vor zwei Jahren starb dann ein guter Kollege von ihnen in einem Metallschredder. „Er wurde da kurz vor Feierabend hingeschickt, um den Schredder zu reinigen – allein, was eigentlich streng verboten ist“, erinnert sich Baggerfahrer Waldemar B.* „Ich habe noch mit ihm gesprochen, als er im Schredder steckte. Er sagte: Meine Beine brennen. Dabei waren seine Beine bis zu den Oberschenkeln weggeschreddert.“ Der Kollege starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Der Schredder läuft heute noch.
Aktuell haben die rechtmäßig gewählten Betriebsräte Hausverbot in Hamm – offiziell ja jetzt ein anderer Betrieb. Und den Beschäftigten in Hamm verbietet die Geschäftsleitung, mit den Betriebsräten zu sprechen. Trotzdem haben sie natürlich weiterhin Kontakte und sprechen Missstände bei der Geschäftsführung an.
„Wir wollen einfach nur vernünftige Arbeitsbedingungen“
Sie wehren sich, gemeinsam mit der IG Metall. In einem aktuellen Beschlussverfahren verlangt der Betriebsrat unter anderem, die Maßnahmen zur Aushöhlung seiner Vertretung zu unterlassen, den vier in Dortmund tätigen Betriebsratsmitgliedern Verträge bei ASH unter Anerkennung ihrer bisherigen Betriebszugehörigkeit anzubieten und die für die Betriebsratsarbeit erforderlichen Sachmittel bereitzustellen. Doch die gewählten Betriebsräte wollen weiter kämpfen – vier von ursprünglich 11 Beschäftigten, die an der Betriebsratsgründung mitgewirkt haben.
„Die übrigen sieben haben unter Druck und aus Angst vor den Konsequenzen wieder davon Abstand genommen“, meint Markus Kirchner von der IG Metall Hamm-Lippstadt. „Zwar wurde der Kündigungsschutz für Initiatoren von Betriebsratswahlen 2021 verbessert. Dennoch sind wir als IG Metall immer wieder mit den Ängsten der Beschäftigten konfrontiert.“
Auch ihre neue IG Metall-Geschäftsstelle Ruhrgebiet Mitte jetzt an der Seite der insgesamt acht strafversetzten Beschäftigten in Dortmund. „Solche Zustände wie hier bei Hark habe ich noch nie gesehen“, kritisiert Gewerkschaftssekretär Yunus Emre Yildirim, der zahlreiche Schrott- und Recyclingbetriebe betreut. „Alle bieten bessere Arbeitsbedingungen als Hark, viele zahlen Tarif – und alle suchen Fachkräfte.“
Die Strafversetzten in Dortmund sind alles andere als „Minderleister“. Waldemar B.* ist seit 23 Jahren bei Hark. Andreas W.* war früher als selbstständiger Schneidbrenn-Experte in ganz Europa unterwegs und hielt sogar Vorträge an Hochschulen. Sie hätten schon längst bessere Jobs finden können. Doch sie sind noch da.
„Wir wollen endlich vernünftige Arbeitsbedingungen für unsere Kollegen“, erklärt Andreas W.* „Und wir wollen unsere Rechte als Arbeitnehmer verteidigen, die wir uns früher gemeinsam erkämpft haben. Ich war dabei bei den Streiks in den 80er-Jahren – und auf der Brücke der Solidarität in Duisburg-Rheinhausen, als wir die Stahlarbeiter beim Kampf um ihre Zukunft unterstützten. Es kann doch nicht sein, dass Arbeitgeber in Deutschland immer dreister werden und unsere erkämpften Rechte mit Füßen treten.“
Die Hark-Betriebsräte werden solidarisch unterstützt von der IG Metall – und von Betriebsräten aus ganz Deutschland im Komitee „Solidarität gegen BR-Mobbing!“. Das Komitee vernetzt betroffene Betriebsräte und Gewerkschaften, trägt Informationen und Materialien zusammen, organisiert Konferenzen, Protestaktionen und öffentliche Aufklärung und bietet ein Forum zum Erfahrungsaustausch und zur praktischen Unterstützung.
* Die Namen der Betriebsräte im Text wurden von der Redaktion geändert und Personen im Bild unkenntlich gemacht.
aus: https://www.igmetall.de/im-betrieb/drohnen-ueberwachung-und-versetzung-bei-hark-recycling